Bahnhofsgespräche – Fotografengenerationen

Blog, Unterwegs

Noch eine Stunde bis der nächste Zug nach Gießen auf Gleis 109 eintreffen sollte. Zeit genug für ein erfrischendes Kaltgetränk in Form eines frisch gezapften Pilsbieres. Buon Viaggio schrieb sich die örtliche Bahnhofsschenke und machte einen tadellosen Eindruck. Die Wahl fiel also nicht nur leicht, sondern auch ziemlich schnell. Mit Rucksack und Kamera bemannt bestelle ich an der Bar stehend ein Bier. Neben mir sitzt ein Mann mit weißgrauen ungepflegten Haar. Seine Kleider sind schmutzig, und ein strenger beißender Geruch geht von der kleinen Sitzecke aus.

„Weitwinkelobjektiv?“, brummt es von der Seite. Ich war etwas perplex im ersten Moment, und brauchte ein paar Sekunden bis ich mich davon überzeugt hatte, dass die Stimme nicht von meiner Paranoia ausging, sondern von dem neben mir sitzenden Mann. Ich hatte mein 24-70mm Objektiv auf – also antwortete ich „Sowohl als auch“.

Die Sitzecke war klein, es gab nur noch einen kleinen freien Tisch direkt neben den Herrn oder eben Stehtische. Ich überwindete meine Nase und fasste mir ein Herz und saß mich an seinen Tisch. Schnell kamen wir ins Gespräch – und ich ließ mich darauf ein, denn wir hatten einen recht großen gemeinsamen Nenner: die Fotografie. Er erzählte mir zunächst von Technik, die für die meisten Menschen mehr nach Mittelalter klang, als nach einer funktionierenden Kamera. Beispielsweise von Farbtemperaturmessern, die die Wärme bzw. die Kälte des Lichts messen, oder von einer alten Hassleblood, die er damals für 15.000 Mark erstanden hatte. Mir wurde recht schnell klar, dass dieser Mann ein wenig was gesehen hatte, und es liebend gern mit mir teilen würde.

Natürlich waren in unserem kleinen Gespräch viele Sprünge drin. Während wir in der einen Sekunde über den Weltkrieg sprachen, sprachen wir im nächsten über Schicksalsschläge und die Herausforderungen der technisierten Welt. Ursprünglich kam der Herr aus NRW, arbeitete allerdings lange Jahre in Berlin, wo er ein Stück weit Geschichte mitgestaltete. Nämlich der ersten Farbübertagung im deutschen Fernsehen, die er live aus dem Ü-Wagen miterlebte. Er erzählte mir von Musikern, Konzerten und geschichtsträchtigen Aufträgen, die er für den Rundfunk begleitete und dokumentierte. Von den alten Zeiten schwärmend bestellt er ein weiteres Glas Weißwein an den Tisch. „Ich mach das mal da rein, das sieht ja ein bisschen komisch aus“, sagte er während er sein noch halbvolles Weinglas in das nächste umfüllt.

Ich wurde stutzig. Wie konnte ein Mann der so im Leben stand sprichwörtlich so enden? Wie konnte jemand der tatsächlich in seinem Leben einige Höhen zu verzeichnen hatte, Personen der Geschichte wie Polanski traf wie ein Stück Elend am Bahnhof sitzen? Wie konnte jemand, der das Leben anderer Menschen prägte heute an einem Umschlagsplatz für Menschen so vereinsamen? Ich kann nur mutmaßen, doch er erzählte mir von einigen einschneidenden Erfahrungen in seinem Leben. Nach der Pensionierung entschied er sich beispielsweise einen seiner Freunde zu besuchen. Doch als er am Haus seines Freundes stand, öffnete nur dessen Frau und antwortete „Der lebt nicht mehr“. Während er mir das erzählte, merkte man dass diese Dinge an ihm nagten: „Ich frag mich da schon manchmal vorwurfsvoll warum ich nicht früher da war“, erklärte er mir während er an seinem Glas nippte. „Den jungen Leuten erzähl ich immer von dem was ich alles tolles gesehen habe, aber das ist ja nicht alles“, erzählte er mir weiter.

Langsam näherte sich auch die Ankunft meines Zuges und wir sprachen wieder über alltäglicheres. Von der Strecke Koblenz-Gießen, die mir bevorstand, oder über das Studium. Er studierte damals in Marburg, und hatte noch die ein oder andere Anekdote aus Hessen auf Lager. So musste er als Auftragsarbeit einst Elvis Presley ablichten, als er in Friedberg stationiert war. Ich fragte mich langsam ob das alles nicht ein wenig zu surreal ist um wahr zu sein. Ein Mann, der die Welt sieht, zu Frank Sinatra Aufführungen nach Las Vegas reist, und jahrelang in Bayern für den Rundfunk arbeitete soll jetzt so hilflos vor mir sitzen und aus dem Nähkästchen plaudern? Wohl kaum – und doch klingt alles irgendwie plausibel, und auch eine gewisse Kompetenz auf den Gebieten lässt sich nicht von der Hand weisen. Es schien mir am Schluss, dass ein Mann, der sein Leben lang arbeitete, und ein Stück von der Welt sah, nach seiner Pensionierung vom Tod seiner alten Freunde erschüttert war, und das bis heut wohl nicht überwinden konnte. Wo er sich früher wohl in Arbeit gestürzt hätte, findet er heute wohl seinen letzten Halt auf der Sitzbank des Buon Viaggios.

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