Ein Sturm zieht auf – Teil I

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Die Erklimmung des Monto Rotondo

Korsika ruft nicht nur wegen seiner Strände viele Touristen auf den Plan, sondern wegen seiner Berge auch einige Verrückte, die sie besteigen wollen. Da wir zwei Wochen auf Korsika zu Verfügung haben, planen wir eine solch verrückte Zwei-Tagestour über die Insel, die vor allem eines hat: Höhenmeter. Unsere Route gilt als eine der anspruchsvollsten von Korsika, und sieht neben einer Übernachtung auf 2321m Höhe auch alpine Erfahrung vor. Die habe ich wohl nach meinen letzten Qualenmarsch durch die Cullin Hills in Schottland. Dachte ich zumindest.

Der lange Aufstieg zum Lac de l’Oriente

Die Bäume des Tales boten nicht lange Schutz vor der Sonne

Unser Weg beginnt im Restonica-Tal, das wir nach einer anderthalb stündigen Fahrt erreichen. Die Wetterverhältnisse sind optimal, der Himmel ist frei und wir können unsere Tour bei angenehmen Temperaturen starten. Zu Beginn schützen uns die Bäume noch vor der Hitze, wir versuchen so viele Meter wie möglich zurückzulegen, denn die Mittagssonne auf Korsika ist nicht zu unterschätzen.


Der Blick zurück in das Restonica Tal


Der Blick vor die Füße lässt nach zwei Stunden langsam verzweifeln. Der Weg in die Höhe mag schier kein Ende nehmen, vor den Augen erstreckt sich ein unendlich steiles Meer von Stock und Stein. Je näher wir dem ersten kleinen Gipfel kommen, desto unwegsamer wird das Gelände – wir kämpfen uns durch robuste Büsche und über kantige Felsen, bis plötzlich die Bäume um uns herum verschwinden. Wir haben zwar die Baumgrenze erreicht, aber noch lange nicht unser Ziel.


Der mühsame Aufstieg war von allerlei Vegetation verschönert worden


Das Auenland rund um den Lac de l’Oriente

Unsere Mühen werden dennoch gleich belohnt. Der erste Ausblick über das Tal lässt einem kurz den Atem stocken. Und auch das Ziel der ersten Etappe liegt nicht in allzu weiter Ferne: der Lac de l’Oriente. Uns trennen nur noch einige wenige Bachläufe und saftig grüne Wiesen von diesem wunderschönen Bergsee, der sich hinter der Kuppe versteckt hält. Dort angekommen scheint es fast, als hätte Peter Jackson ein Set für Mittelerde aufgebaut. Kleine Gras-Inseln säumen sich am Ende des Zulaufes, der aus dem Berg sprudelt. Die Sonne schimmert im tiefblauen Wasser, viele Wanderer haben das gleiche Ziel wie wir.

Doch so wie der See und sein Ufer wie ein Abziehbild des Auenlandes aussehen, so sieht der weitere Aufstieg wie der Weg nach Mordor aus. Wir nutzen die Ebene für eine etwas längere Rast, meine Mitstreiter ziehen ihre Schuhe aus und waten an den kleinen Inseln entlang durch das Wasser. Wir haben schon längst die schneebedeckten Flächen neben unserem geplanten Aufstieg entdeckt, auch die dünne Luft macht sich langsam aber sicher bemerkbar. Wir ziehen weiter zu den weißen Hängen – dorthin, wo der Schatten den Schnee vor der Schmelze schützt.


Kampf gegen den Monte Rotondo

Schnee im Sommer

Natürlich nutzen wir die Gelegenheit und rutschen den Hang auf unseren Schuhen hinunter. Zu verlockend ist es später von sich behaupten zu können auf den Pisten Korsikas hinuntergeschlittert zu sein. Wenn wir überhaupt noch die Gelegenheit dazu bekommen sollten. Nach unserer kurzen Abkühlung suchen wir unseren weiteren Weg hinauf. Wieder vorbei an einem moosbedeckten Wasserfall, wieder über traumhaft schöne Wiesen gelangen wir zu einem steilen Geröllfeld, das nur von wenigen Felsen zusammengehalten wird.

Eines war nun sicher – jeder Fehltritt wird hier mit einem Absturz in eine nicht zu verachtende Höhe bestraft. Immerhin hatte zwei Drittel unserer Truppe ordentliches Schuhwerk mit, wobei ich ausnahmsweise nicht zum anderen Drittel gehörte. Neben festen Schuhwerk haben wir allerdings auch noch um die fünfzehn Kilogramm auf dem Rücken, was einen durchaus auch mal runterziehen kann. Moralisch wie auch physisch. Aber ich erinnere mich an die goldene Regel des Überlebens an Steilhängen: „Immer mindestens drei Extremitäten an der Wand!“.


Der Lac de Betaniella fast aus der Vogelperspektive


Die Regel wird allerdings immer mehr zur Herausforderung. Denn der Aufstieg verjüngt sich mehr und mehr, wenngleich er keineswegs abflacht. Der Blick über die Schulter verrät einiges über die menschliche Existenz – vor allem, dass sie jederzeit enden kann; in einem 100 Meter tiefen Abgrund beispielsweise. Aber eigentlich muss man ja nur darauf achten wo man hintretet. Mit diesem Wechselspiel aus jugendlichen Leichtsinn und todehrfürchtigen Respekt lässt sich wohl jeder Berg besteigen. So auch der Monto Rotondo. Nachdem wir Schritt vor Schritt setzten, kommen wir schließlich kurz vor dem Hügel auf einen schmalen Pfad.


Der Verrückte mit den Turnschuhen auf dem Gipfel des Monte Rotondo.


Immerhin haben wir nun etwas Platz um eine Pause einzulegen. Wir haben nun den Lac de l’Oriente hinter uns gelassen und just um die 600 Höhenmeter zurückgelegt. Doch auch vor uns geht es wieder bergab – hinunter zum Lac de Betaniella, wo wir unser Nachtlager aufschlagen möchten. Doch zunächst legen wir noch einmal die letzten Meter zum Gipfelkreuz und der Biwakhütte zurück, von dem aus sich ein phänomenaler Blick über die ganze Insel ergibt. Nur der Monte Cinto kann diese Aussicht mit knapp 80 Metern Höhe mehr übertrumpfen.


Einrichtung des Nachtlagers

Nach dem Hügel ist vor dem Hügel. Das stimmt in diesem Falle tatsächlich, denn wir müssen wieder hinunter zum See. Wenn man unseren Aufstieg ein Geröllfeld nennt, dann ist unser Abstieg so etwas wie Treibkies, der ständig verrutscht und sich bewegt, sodass es keine Möglichkeit gibt auch nur länger als für eine Sekunde halt zu finden. Erschwerend hinzu kamen gewisse Wegfindungsstörungen, die dazu führen, dass wir am Abgrund der ein oder anderen Steilwand stehen.

Die Suche nach dem perfekten Stein hat das Abendessen erheblich verzögert

Dementsprechend langwierig gestaltet sich unser Abstieg zum See, der gefühlt mehrere hundert Kilometer entfernt liegt. Am Nachmittag erreichen wir schließlich das Ufer, und rollen erst einmal unsere Iso-Matten aus um uns von den vorangegangenen Strapazen zu erholen. In Anbetracht des blauen Himmels über uns dösen wir für einige Minuten vor uns hin.

Der Nachmittag ist indessen spät geworden, wir beschließen unser Zelt aufzuschlagen und für die Nacht vernünftig sturmsicher zu befestigen. Wir stocken ein paar provisorische Steinmauern auf, um uns vor dem Wind zu schützen.

Für unser festliches Abendmahl, das aus einer kalten individuellen Konserve, sowie einer kleinen Flasche Martiniquaise besteht, richten wir uns einen kleinen Tisch und Stühle mit den umliegenden Felsplatten her. Mittlerweile verdichten sich die Wolken, der Wind wird rauer. Wir fürchten ein wenig um unseren sternenklaren Himmel für die geplanten Nachtaufnahmen.


Schlemmen am See

Außer den peitschenden Böen herrscht totenstille auf dem Monte Rotondo Massiv. Ich mache mich vor unserem Abendessen noch einmal auf die Suche nach einer Bergquelle, damit wir unsere Wasservorräte auffüllen können. Am oberen Ende eines Bachlaufes werde ich fündig – direkt aus dem Fels sprießt klarstes Quellwasser. Nun sind wir für die Mahlzeit versorgt – denken wir.

Des Wanderers täglich Fitnessbrot zusammen mit Rum und Dosenfutter

Bis uns auffällt dass wir die Löffel für unsere Ravioli und Chili con Carne vergessen haben. Wir lösen diese Herausforderung unterschiedlich. Zwei Drittel der Truppe benutzen ihr Messer, ein Drittel versucht es mit Teilen des Deckels der Dose. Und nein, ich bin nicht das letzte Drittel, sondern wieder der Verrückte, der den Berg mit Turnschuhen bestieg.

Mit der Nacht kommt auch die Kälte näher, weshalb wir allmählich beschließen unser kuscheliges anderthalb-Mann Zelt aufzusuchen. Niemand hatte Platz, was aber auch den Vorteil hatte, dass jeder warm hat. Wir spielen noch ein paar Runden politisch inkorrekte Kartenspiele, bis wir gegen 21 Uhr der Erschöpfung und dem Rum zum Opfer fallen. Doch die Ruhe soll nicht lange währen.


Die Küste am Lac de Betaniella


Wenige Stunden später weckt uns das Prasseln des Regens auf, der auf unser Zelt fällt. Der Wind rüttelt an unserem Zelt. Wir sind wohl in einem großen Umkreis mutterseelenallein auf rund 2400 Metern Höhe. Plötzlich blitzt es an unseren Zelt auf, es donnert in nicht weiter Ferne. Uns stockt der Atem.

– Fortsetzung folgt in Teil 2- 

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