Ein Sturm zieht auf – Teil II

Bericht, Blog, Frankreich, Reise, Unterwegs

Teil 1 – Die Erklimmung des Monte Rotondo verpasst?

Blitzendes Glücksspiel

Die Blitze erhellen die tiefschwarze Nacht. Der Donner lässt uns einen schummrigen Schauer über den Rücken laufen, der Wind zieht uns durch die Zeltwand bis ins Mark. Wir sind mitten in einem Unwetter – es wird lange dauern, bis sich die ersten Sonnenstrahlen wieder blicken lassen. Und es ist recht ungewiss, ob wir den Morgen noch erleben. Wir befinden uns auf einer der höchsten Ebenen Korsikas, ungeschützt, neben einem See. Als brächte uns der Rum und der Platzmangel im Zelt nicht schon genug ins Schwitzen müssen wir nun ernsthaft um unser Leben fürchten.

Der Donner scheint noch in sicherer Entfernung, aber die Winde können die Lichtbögen, die aus den Wolken schießen in wenigen Minuten über unsere Köpfe wehen lassen. In einem Choral von pfeifenden Wind und prasselnden Regen gehen wir unsere Optionen durch. „Wir könnten uns eine Höhle suchen“, ist mein erster Beitrag zum Selbstrettung-Brainstorming. In Anbetracht der Witterung und der Dunkelheit verwerfen wir die Idee allerdings schnell. Ein Abstieg oder gar ein Aufstieg zur nächsten Biwak-Hütte fallen aus den gleichen Gründen raus. Während wir uns Gedanken um unsere Überlebenschancen machen werden wir von grellen Lichtern immer wieder an unsere schier aussichtslose Situation erinnert.

Als ich mich dann überhaupt mal frage, was denn überhaupt passiert, wenn der Blitz in uns einschlägt, bin ich beruhigt, dass unser Sanitäter im Bunde multiples Organversagen prognostiziert. Er würde also immerhin schnell vorbei sein. Doch wir haben noch nicht ganz resigniert – uns fallen die Eisenteile ein, die wir auf unserer Suche nach geeigneten Steinen am Mittag zuvor entdeckt haben. Die Idee ist tatsächlich verlockend, doch leider findet sich kein Frewilliger, der die Do-It-Yourself Blitzableiter in sicherer Entfernung platzieren möchte.

Zwischendurch ein Lichtblick: sternenklarer Himmel, kaum hörbarer Donner. Das Gewitter scheint sich weiter unter abzuspielen. Von einem Gefühl der Sicherheit kann allerdings kaum die Rede sein. Die Erschöpfung ist das einzige, das einen immer wieder kurz einschlafen lässt. Wir finden uns schließlich damit ab, dass wir an unseren misslichen Lage nichts ändern können. Panik hilft in dieser Situation ohnehin nur Verkäufern von Windeln. Es flackert immer wieder in unregelmäßigen Abständen ein Licht am Zelt auf. Ich rede mir ein, dass es Sternschnuppen sind und quäle mich durch eine nicht enden wollende Nacht.

Ein schmaler Grat zwischen Abstieg und Absturz

Thor war uns offenbar gnädig und hat uns verschont. Es ist mittlerweile hell, wir öffnen das Zelt. Um uns herum hat sich der Nebel ausgebreitet, man sieht kaum 20 Meter weit. Es scheint, als ob der See vor unseren Augen verschwunden ist und wir die Protagonisten in einer Neuauflage von Stephen Kings „The Mist“ sind. Immer wieder schütten sich die Wolken über uns aus, doch das Gewitter ist abgezogen. Nach einer kurzen Diskussion entscheiden wir uns so schnell wie möglich unsere Sachen zu packen, und uns auf den Abstieg vorzubereiten, der auf dem kürzesten Weg in die Zivilisation zurückführen soll. Die ursprüngliche Route über den Melosee ist vom Tisch.

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Von Nebel in Wolken

Der undurchsichtige Dunst stellt sich als unser größter Feind dar. Die Wegmarkierungen, die aus einer Formationen kleiner Steinmännchen bestehen sind kaum noch zu erkennen. Unsere Orientierung ist getrübt, von dem See sieht man aus nächster Nähe nur das Ufer. Irgendwie hangeln wir uns über Steinplatten und Bachläufe, immer auf der Suche nach den kleinen Steinhaufen, die uns den Weg weisen sollen. Umgekehrt sind wir wohl auf hunderte Meter sichtbar, denn angesichts der Regenschauer haben unsere neongelben Regenponchos dazu beigetragen nicht auszukühlen. Je weiter wir uns von dem Lac de Betaniella entfernen, desto mehr lichtet sich der Nebel und desto weniger werden die Steinmarkierungen in der Berglandschaft.

Ständig finden wir uns in Sackgassen oder an Steilhängen wieder. Jede kleinere Ansammlungen an Steinen könnte unseren Weg markieren. Langsam aber sicher können wir nun in das angrenzende Tal blicken und entscheiden uns dem Rest der Truppe, der in der Ferne an einer Straße auf uns wartet ,einen Zwischenbericht zu übermitteln. Die letzten Prozent des Telefonakkus schmilzen neben den verzweifelten Navigationsversuchen auch noch bei der Suche nach Mobilfunkempfang dahin. Es gelingt uns ein Lebenszeichen abzusetzen. Wir wissen noch nicht so genau wann und wo wir ankommen werden – immerhin wird die Sicht wieder etwas klarer.

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Ein Haufen unverlässlicher Steine

Es folgt eine verzweifelte Suche nach Orientierungspunkten und einem Weg, der uns überhaupt irgendwo hinführt. Weit in der Ferne erkennen wir einen kleinen roten Punkt – ein Dach einer Berghütte. Der Abstieg dorthin wäre allerdings langwierig, unwegsam und generell lebensmüde. Wir suchen weiter nach Steinhaufen und scheitern weiter ständig. Als wir langsam aber sicher wieder auf Kurs sind verschlechtert sich wieder das Wetter. Die Winde drehen und schlagen uns ins Gesicht, vereinzelt müssen wir wieder Nebelbänke durchqueren. Die oberste Regel gilt weiter – immer dicht zusammenbleiben.

Die ersten Zeichen der Zivilisation

Plötzlich entdeckten wir eine schwarze Leitung, die über einen Hügel an einen Bergsee führt. Ein Schlauch zur Wasserversorgung für nahe gelegene Hütten? Immerhin ein Zeichen von Zivilisation und eine gute Möglichkeit sich zu orientieren. Und tatsächlich – hinter einem großen Fels sticht eine kleine Ansammlung von Hütten hervor, die neben dem Bachlauf stehen. Wir, die drei neongelben Verrückten, stechen aus dem tristen und düsteren Grau der Berge hervor. Wir können einige Menschen erkennen, die sich um die Hütten und Zelte tummeln, die dort aufgeschlagen sind. Die Winde sind inzwischen so stark, dass sie einen leeren Wassertank an einer der Hütten umwehen. Wir passieren den Bachlauf, der sich nun in einen reißenden Strom verwandelt hat und gelangen in das Refuge Petra Piana. Ein Schild an einer der Hütten verrät uns, dass wir uns bereits auf rund 1800 Metern Höhe befinden.

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Die Tankstellen Crew von Shell auf der Suche nach Zapfsäulen

Neben dieser Höhenangabe sind wir aber weiterhin recht planlos. Wir wollen Richtung Venaco, der nächstgrößeren Stadt in der Nähe. Als ich in Petra Piana einen Wanderer frage, ob er uns den helfe könne, fragt er mich, ob ich wirklich nach Monaco will. In der Hütte selbst haben wir dann mehr Erfolg. Ein junger Korse und zwei ältere Frauen sitzen in einem großen Raum, in der sich neben einer sporadischen Kasse auch die Küche befindet. Eine der Frauen bereitet gerade Essen zu, und fragt uns wo wir gerade herkommen. Als ich „Monte Rotondo“ entgegne erhalte ich ein respektvolles „Oh là là!“ als Antwort. Ich erkundige mich mit letzter Kraft und meinem letzten Französisch nach dem Weg gen Venaco. Der junge Mann hinter der Kasse nimmt sich meiner erschöpften Mine an, wechselt zur englischen Sprache und weist uns den Weg.

Eine sehr ungefähre Rekonstruktion unserer Route

Wir durchqueren das Zeltdorf bis wir auf dem GR20, dem Fernwanderweg auf Korsika, landen. Dieser hat den großen Vorteil, dass er entgegen unseres individuellen Suizid-Wanderweges recht gut erschlossen und vor allem markiert ist. Laut Schätzungen unserer analog-korsischen Version von Google Maps brauchen wir ca. drei Stunden. Der GR20 ist tatsächlich die angenehmste Passage unserer Wanderung – statt anspruchsvollen Steigungen hat man hier sogar etwas treppenähnliches angelegt. Nach einem Wasserfall ist die Zeit der Entspannung allerdings schon wieder vorbei. Wir müssen in das benachbarte Tal, hinüber über die Bergkuppe. Abermals liegen unzählige Höhenmeter vor uns.

Unendliche Täler

Verzweifelte Kommunikationsversuche

Die Winde sind so stark, dass wir immer wieder stoppen müssen. Hinter uns lag schließlich wieder ein Abgrund, in den wir zu stürzen drohten. Die drei angekündigten Stunden sind verstrichen, vor uns liegt ein unendliches Tal aus Bäumen, das bis zum Horizont reicht. Wir müssen wieder den unverlässlichen Steinmännchen folgen. Aber immerhin existiert wieder eine ganze Reihe von Vegetation. Der Weg führt uns über einen Grat weiter in das nächste Tal und endlich in einen Wald. Von dort aus kämpfen wir uns auf einem schmalen Pfad über umgestürzte Bäume, die bereits dem Sturm zum Opfer fielen. Die zurückgelegten Meter zehren an uns allen, die ersten Verschleißerscheinungen stellen sich ein. Nach einiger Zeit entdeckten wir eine weitere Hütte und hoffen schon auf eine Straße zu treffen – vergeblich. Es vergeht eine weitere Stunde bis wir auf einen alten Mann treffen, der uns erzählt, dass die nächste Hauptstraße noch vierzehn Kilometer entfernt liegt.

Das war zumindest eine der Übersetzungs-Variationen, die wir verstanden haben. Außerdem sagte der Mann etwas von viel Wind, einem Pritschenwagen und einem Toyota. Mit dem Wind haben wir ja bereits Bekanntschaft gemacht, den Pritschenwagen fanden wir nach 20 Minuten Marsch am Waldrand, eine Viertelstunde später folgte dann der Toyota, der auf einem Schotterweg parkte. Wenig später folgt dann endlich ein Helikopterlandeplatz, aber viel wichtiger: eine asphaltierte Straße. Mit den letzten Restprozent Akku können wir in Erfahrung bringen, dass es tatsächlich noch rund ein dutzend Kilometer zur Hauptstraße sind, weshalb wir beschließen unsere Rettungsmannschaft anzurufen, die in der Nähe bereit steht.

Eskorte in die Freiheit

Wir gehen schon einmal die Serpentinen der Talstraße hinunter, nachdem wir eine kurze Rast eingelegt hatten. Irgendwann kommt uns ein Fahrzeug der Forstbehörde entgegen, dahinter das Auto unserer anderen Mannschaft. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde mit dem Förster, steigen wir ein und fahren aus dem Tal Richtung Hauptstraße. Wenn wir jetzt nicht mehr von der Fahrbahn abkommen und die Klippen hinunterstürzen haben wir alles überstanden – ein wenig Adrenalin zum Schluss hat noch nie geschadet. Auf der letzten Fahrt die über unseren Verbleib entscheidet, erfahren wir den Grund führ die Eskorte – die Straße ist wegen starker Winde gesperrt. Und ein paar Kilometer Meter brennt der Wald der halben Insel.

Wir kommen unbeschadet an der Kreuzung zur Hauptstraße an, die Stimmung ist recht durchmischt. Einerseits sind wir mehr oder minder froh über unser Überleben, andererseits fehlt uns ein wenig die Energie uns darüber tatsächlich zu freuen. Dennoch wird uns erst in den nächsten Tagen unser Glück umso bewusster. Einen Tag später wurde eine 70-Jährige Frau am Melosee, der auf unserer ursprünglichen Route lag, von einem Blitz getroffen.


Eine Fotostrecke zu der 10-tägigen Reise auf Korsika ist in Kürze hier zu finden. Besucht doch in der Zwischenzeit mal die Landschaftskamera von Pixelkeller!

Oder schaut euch ein wenig bei der Fotostube um und seht euch schon vorhandene Fotogeschichten und strecken an.

 

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