Nacht der Kirchen in Hamburg – Zwischen Dur und Moll

Deutschland, Gesellschaft, Reportage

Man ist überrascht, wenn man erfährt, was sich in manchen Gebäude  Hamburgs verbirgt. Zwischen den hohen Türmen des Michels oder des Nikolai-Mahnmals finden sich kleine  Kirchen, die einiges zu bieten haben. Ein Besuch bei fremdsprachigen Gemeinden in der Nacht der Kirchen.

Die Finnische Seemannsmisson

Bereits eine Stunde vor offiziellen Beginn öffnet die finnische Seemannskirche ihre Pforten. Vor dem verwinkelten Kirchenbau flackert bereits Licht, am Eingang erhält jeder einen Vers aus der Bibel – auf finnisch mit deutscher Übersetzung. Aus dem recht kleinen Kirchensaal ertönen die Klänge von Akkordeon und Gitarre, während man sich im Foyer mit Verpflegung eindecken kann. Im Zentrum des Raumes steht ein Käfig, in dem ein Papagei wohnt. „Der Papagei kann nur finnisch„, erklärt Tarja während sie die Besucher durch das Haus führt.

Der Papagei wacht über die Kirche und ist ein guter Zuhörer – sofern man finnisch spricht

Neben eines Lesesaals im Erdgeschoss befindet sich im Keller eine Sauna, Aufenthalts-, sowie Schlafräume und eine Garage. Das Obergeschoss des Hauses ist mit Gästezimmern und Büroräumen ausgestattet. Auch der Honorarkonsul Finnlands ist in dem Gebäude tätig. Dazu bietet die dortige Gemeinde eine Reihe von Angeboten für alle Interessierten an, die von Sprachschule bis hin zu Konzerten und anderen Veranstaltungen reichen.

Die finanzielle Version ist allerdings schwierig. „Der Basar ist für uns überlebenswichtig“, so Satu Oldendorff, die Leiterin der finnischen Seemannskirche in Norddeutschland. Tausende Besucher kommen zu dem Weihnachtsbazar, der im November in der Garage des Hauses stattfindet – und tragen so mit zum Erhalt der Arbeit im Herzen Hamburgs bei. Denn der Bedarf für eine finnische Gemeinde ist nach wie vor vorhanden. Zwar bleiben die Seeleute nicht mehr lange im Hamburger Hafen, doch die Mission arbeitet auch über Grenzen hinaus und richtet sich beispielsweise auch an Lastkraftwagenfahrer.

Vor den Mauern der finnischen Seemannskirche – trotz der Mauer steht die Kirche jedem offen

Der Zusammenhalt unter den nordischen Kirchen ist sehr groß, die Zusammenarbeit sehr eng. Satu Oldendorff erzählt von ihren schwedischen Nachbarn, deren Kirche in der gleichen Straße steht: „Die Schweden sind ja Dur und wir sind eher Moll. Doch neben den finnischen Liedern, die im Kirchenraum gesungen werden findet sich an diesem Abend kaum Melancholie bei den Vertretern der finnischen Seemannskirche.

Die schwedische Gustav-Adolf Kirche

In der Nachbarkirchen der Schweden wird dann doch deutlich, was es mit dem Dur der Schweden auf sich hat, die in ihren traditionellen Kleidern jeden mit einem Lächeln herzlich begrüßen. Nach ein paar Stufen erreicht man bereits die Türen des Kirchensaals in dem sich Geigenspiel und der Vortrag von Kristina Ekelund über die Geschichte der Gemeinde abwechseln. Zum Ende spielen die beiden Geigerinnen ein Schwedisches Volkslied, viele in der Kirche wippen fröhlich im Rhythmus mit.

Geigenklänge und eine Erzählung über die Geschichte in der schwedischen Gustav-Adolf-Kirche

Der Bau der schwedischen Seemannskirche wurde erst vor wenigen Jahren umfassend renoviert, nachdem ein Landsmann das Gebäude gekauft hatte. Ähnlich wie ihre finnischen Kollegen bieten die Schweden vieles in ihren Wänden: Kindergruppen, Bastelgruppen, Gesprächsgruppen und natürlich ein Café, das sich im Erdgeschoss befindet und regelmäßig mit neuen schwedischen Designermöbeln ausgestattet wird. Auch hier stehen jährlich bedeutende Festtage an, wie beispielsweise Midsommer, Walpurgnisnacht oder auch der schwedische Nationalfeiertag. Ein besonderes Highlight bleibt aber ohne Zweifel die Lucia Nacht, in der die Kirche aus allen Nähten platzt.

Ingrid Ahlers-Karlsson präsentiert im schwedischen Café stolz ihren Fotoband zu den Sanierungsarbeiten aus dem Jahr 2015. „Hier haben wir Werbung gemacht, als zusätzliche Einnahmequelle“, erklärt sie während sie auf ein Foto des eingerüsteten Gebäudes zeigt.  Auf diesen Fotos erkennt man immer wieder Werbebanner, die sich über die halbe Länge des Gebäude erstrecken. Auch die schwedische Kirche steht vor dem gleichen Problem, wie ihre nordischen Nachbarn in Hamburg. Die Pastorin bezieht ihre Bezüge zwar über die schwedische Auslandskirche, alles weitere muss jedoch selbst vor Ort finanziert werden. Aber auch Ingrid Ahlers-Karlsson erinnert sich an die Wichtigkeit des nordischen Freundschaftsdienstes: „Wir sind froh, dass wir während der Renovierung in die finnische Kirche konnten.“

Die russisch-orthodoxe Kirche in St. Pauli

Bis 2004 war die Kirche in St. Pauli noch als Gnadenkirche in Händen der Protestanten, die diese jedoch aufgeben mussten und der jungen russisch-orthodoxe Gemeinde des Heiligen Johannes von Kronstadt übergaben. Nach einem umfassenden Umbau wurde die Kirche im Jahr 2007 eingeweiht und wird seitdem wieder als Gotteshaus genutzt.

In der Nacht der Kirchen stellt sich Priester Sergij Baburin den Fragen der Gäste. Im Zentrum der Kirche stehen mehrere Stuhlreihen, auf denen sich bereits einige Menschen zusammengefunden haben. Baburin trägt gemäß orthodoxer Tradition einen Bart, ein schwarzes Gewand und eine lange vergoldete Kreuzkette. Auch in der Architektur und Bemalung der Kirche macht sich der Einfluss der Orthodoxie deutlich bemerkbar.  So sind die Ikonen ebenso allgegenwärtig wie die typische Chorschranke.

Die überwiegende Anzahl der Besucher sind Katholiken, deren Fragen der Priester gerne und recht passioniert beantwortet. So erläutert er den Stellenwert der Ikonen innerhalb seiner Kirche, die Ernennung von Heiligen und die Gründe für die Kirchenspaltung. „Vieles ist damals wegen Missverständnissen passiert, aber damals konnte man ja nicht einfach den Hörer nehmen, erklärt Baburin auf eine Frage bezüglich der Spaltung. „Hier ist jeder willkommen, uns verbindet mehr als uns trennt“, beantwortet er schließlich eine Frage nach der Ökumene zwischen Katholischer und Russisch-Orthodoxer Christen.

Die anglikanische Kirche St. Thomas Becket

Als Finale des fremdsprachigen Kirchenhoppings stand die Englische Kirche am Hamburger Zeughausmarkt auf der Liste. Die weiße Fassade des klassizistischen Gebäudes schimmert im Fackellicht, das vor den Treppen aufgestellt ist. In der Kirche begrüßt Chaplain Leslie Nathaniel jeden Gast persönlich und klärt erst einmal die Frage in welcher Sprache man sich verständigen will.

Joseph Maria Antonio beeindruckt die Gäste in der Englischen Kirche mit seiner Gambe

Vor dem Altar bereitet sich unterdessen Joseph Maria Antonio auf seinen Auftritt vor. Der junge Musiker präsentiert eine kleine Reise durch Europa auf einem recht unbekannten Instrument – der Gambe. „Das ist kein Cello!, wird Joseph Maria Antonio immer wieder während seines kleines Konzertes unterstreichen. Sein breites Repertoire nimmt die Besucher mit auf eine Reise von Spanien über Portugal und Frankreich bis hin nach Irland. Zwischen jeden Stück bringt er seinen Zuhörern die Viola de Gamba ein Stück näher: „Man kann sie nicht nur mit dem Bogen spielen, sondern auch wie eine Gitarre.“ 

Nach einer Stunde europäischer Musikgeschichte und einem Fundus an Wissen über die Gambe verabschiedet er sich und verweist noch einmal auf seinen kleinen Verkaufsstand, den er um sich herum mit seinen Aufnahmen aufgebaut hat. Chaplain Nathaniel lässt währenddessen die Programme für den letzten Programmpunkt verteilen – das englische Night Prayer.

Abschluss im Michel

Mit der Orchestersuite in D-Dur von Bach findet die Nacht in der wohl bekanntesten Kirche Hamburgs ihr Ende. Die Weite des Raumes in St. Michaelis und die Klänge der Orgeln kreieren eine Atmosphäre, die jeden Zuhörer vor sich hin gleiten lässt. Jeder hat in dieser Nacht seine ganz persönlichen Eindrücke aus ganz verschiedenen Orten, Kirchen und Gemeinden sammeln können. Seien es Konzerte, Vorträge, Theater oder einfach auch nur eine besondere Gemeinschaft.

Auch die fremdsprachigen Kirchen trugen in dieser Nacht einen wichtigen Teil dazu bei. Und sie sind einer der Gründe, weshalb sich Hamburg stolz das Tor zur Welt nennen kann.

 

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